Unsere Klasse – Mami auf Zeit

Jugendstück                                               Friedrich Treber

Spielalter 14 bis 16

 

Personen

 

Khadischa

Petra

Nicole

Beate

Tillmann

Marko

Sven

Nicolai

Sascha

(4w, 5m)

 

Bühnenbild: Guckkasten. Klassenzimmer. Drei Vierergruppentische. Den Hintergrund füllt eine Tafel oder eine Pinnwand über einem Podium, an der drei Kartons mit den Gruppenergebnissen befestigt sind. Im Vordergrund links ein einsames Lehrerpult. Wenn möglich, Mitte rechts eine Tür.

 

1.1

Außer Sascha alle auf der Bühne. Nicole späht durch die halbgeöffnete Tür. Nicolai übt mit einem kleinen Bällchen Fußballtechnik. Khadischa sitzt auf dem Lehrerpult, den Kopf in die Hände gestützt. Sven, allein an einem Tisch, liest unter dem Tisch ein Buch in einem Schutzumschlag. Beate, am nächsten Tisch, blättert in einem zerfledderten Katalog. Petra liest die Gruppenergebnisse. Am dritten Tisch Marko und Tillmann.

 

Nicole

Schnappt Nicolai den Ball weg und rennt kichernd davon.

 

Nikolai

Ach Golle! Spinnst du wieder?

 

Nicole

(Vom Podium aus)

Was heißt denn hier: Wieder?

 

Nicolai

Ich frage mal meine kleine Schwester, ob sie einen Schnuller für dich abgibt.

 

Nicole

Nico bringt mir Schnuller mit! Brauch ich nicht mehr Daumen lutschen! Nico bringt mir Schnuller mit! Brauch ich nicht mehr Daumen lutschen!

(Wirft Nicolai den Ball zu)

 

Nicolai

Sbaschiba!

 

Nicole

(Stößt Petra an und zeigt auf eines der Gruppenergebnisse, aber die zuckt nur die Achseln)

Khadischa! Khadischa!

(winkt)

 

Tillmann

(steht auf, geht mit erhobenen Händen ein paar Schritte)

Das Spiel heißt doch schon Schaf – kopf.

(Dreht sich wieder zu Marko, tippt sich an die Stirn)

Was soll es denn da zum Denken geben?

 

Marko

 (Hebt an beiden Händen einen Finger nach dem anderen)

Wenn du wenigstens die Trümpfe mitgezählt hättest, als ich die vielen Spritzen gegeben hatte.

 

Tillmann

Ach, die paar Trümpfe!

 

Marko

Ich weiß ja nicht, was du an Taschengeld kriegst, Tille. Ich muß aber jetzt den Rest vom Monat kurztreten. Und mein neues Brillengestell muß ich selbst bezahlen.

 

(Inzwischen ist Khadischa nach hinten gekommen. Sie holt sich ein Stück Kreide und setzt damit Tupfer auf eines der Gruppenergebnisse. Marko sieht das und macht Tillmann aufmerksam.)

 

Tillmann

He!

He Puppe!

He Puppe, das ist mein Text!

(Geht nach hinten, schiebt Khadischas Hand weg und stellt sich zwischen sie und den Text. Petra legt beiden begütigend eine Hand auf die Schulter.)

 

Khadischa

Da! Ist doch nur Kreide.

 

Tillmann

Aber Schweinerei!

 

Khadischa

Hätte ich sowieso wieder weggewischt.

 

Tillmann

Und warum dann erst?

 

Khadischa

Wollte mal sehen wie viele Rechtschreibfehler der Herr Realschüler gemacht hat.

 

Tillmann

Ich war auch mal auf dem Gymnasium!

 

Beate

Das zählt hier nicht!

 

Nicole

Angeber! Angeber!

 

Tillmann

Geht es vielleicht in euer bißchen Hirn rein, daß ich das absichtlich gemacht habe?

 

Khadischa

So kann man sich rausreden!

 

Tillmann

Ich wollte mal wissen, ob die Herzogin geruht, das zu bemerken.

 

Marko

Und wenn, dann kriegt der ganze Tisch eine schlechte Note.

 

Tillmann

Ich mache ja auch Alles allein.

 

Beate

Schlechter als befriedigend hat es hier doch noch nicht gegeben.

 

Marko

Aber ne Zwei oder ne Eins ist allemal besser!

 

Sven

Und wenn Du  mit einem Zeugnis voller Einser und Zweier hier rausgehst, Glaubst du denn, das hilft dir was?

 

Marko.

Ich hab gemeint, du liest. Zeugnis ist Zeugnis

 

Sven

Die Meister oder Ausbildungsleiter sind doch nicht bescheuert. Die wissen, was wo herkommt. Oder versuch doch mal, dich an einer Fachschule anzumelden mit einem Zeugnis von hier.

 

Petra

Das verstehe ich nicht, Sven. Bei der Anmeldung haben sie meiner Oma empfohlen, mich in diese Klasse zu geben.

 

Sven

Dann mußt du aber schon ein paar dicke Sachen in der Akte stehen haben.

 

Petra

Mein Schülerbogen ist dünn. Da sind nicht mal von allen Klassen die zwei Zeugnisse.

 

Tillmann

Wieso das denn?

 

Petra

Weil wir mit dem kleinen Zirkus immer unterwegs waren.

 

Khadischa

Zirkus! Da kann man doch was erleben!

 

Petra

Das meiste ist Arbeit. Und für die kleinen Unternehmen wird es immer härter.

 

Sven

(legt das Buch mit Sorgfalt unter die Bank und läuft dann mit den Händen in den Taschen herum)

Dann haben sie dich also hier reingeschickt, weil du … sagen wir mal: Wissenslücken hast?

 

Petra

Schon möglich. Aber ich will ja lernen.

 

Beate

Was würdest du denn gerne mal werden?

 

Petra

Was mit Kindern. Im Kindergarten. Das wäre schön.

 

Khadischa

Erzieherin? Da brauchst du Fachschule!

 

Petra

Ja, und wieso soll das denn nicht gehen?

 

Sven

Schau Petra, Alle hier sind Leute, die die Lehrer lieber gehen sehen als kommen.

 

Petra

Habt ihr denn Alle so viel angestellt?

 

Sven

Bloß wegen schlechter Noten ist wohl niemand hier.

 

Petra

Aber die Klasse heißt doch „Berufsreife Expreß“.

 

Sven

Und das neue Spritzi wäscht noch weißer. Alles Reklame. Ein Expreß ist das hier keiner. Eher ein Bummelzug. Weiß Gott wohin. Aber die Schule wird uns los.

 

Beate

Wir sind hier auf dem Abstellgleis.

 

Sven

Das paßt!

 

Tillmann

Wie kommst du denn auf das Wort?

 

Beate

Habe da grade einen Schaltplan von einer elektrischen Eisenbahn.

 

Nicolai

Und den kannst du lesen?

 

Beate

Ich baue heute mittag so ein Modell zusammen. Da gibt’s Mäuse.

 

Nicole

Wieso kannst du das, Beate?

 

Beate

Da hatte meine Mutter mal einen Typen angeschleppt, der hat was getaugt. Von dem habe ich gelernt, wie das mit dem Strom geht.

 

Nicolai

Spielzeugeisenbahnen, das machen sogar gelernte Elektriker nicht gerne. Melde dich doch mal bei einem Elektrikermeister.

 

Beate

Weißt du, was der sagt?

Kannst du Bruchrechnen, Prozentrechnen und Dreisatz?

Oder: Mach erst mal Fachschule Elektro-Metall.

Ja, so ist das, Nicolai. Es kann eben nicht jeder seinem Spaß nachgehen und davon reich werden wie du.

 

Nicolai

Ob ich es bis in die erste Mannschaft schaffe, weiß ich nicht. Und wenn man mal erst Profi ist, dann hört der Spaß auf.

 

Petra

Wenn diese Rechnungen so wichtig sind, warum machen wir sie dann nicht?

 

Sven

Hierdrin hat jeder von vorne weg acht Jahre Schule abgesessen,  Petra. Und jeder hat bestimmt schon mindestens mal was gehört von diesen Rechenarten.

 

Petra

Und keiner kann das? Ist das richtig?

 

Sven

Ich kann nur für mich sprechen. Mich hat in der Schule fast nichts interessiert. Und stundenlang die vorgedruckten dicken Hefte auszufüllen, wo du doch schon beim Hinsehen weißt, was du schreiben sollst, da habe ich mich schon in der Grundschule geweigert. Und Lehrer mit Worten piesacken, das konnte ich schon immer.

 

Khadischa

Und du Tillmann? Vom Gymnasium hierher, das ist eine lange Rutschbahn!

 

Tillmann

Ich habe den Lehrern zu oft die Wahrheit gesagt. Und du?

 

Khadischa

Ähnlich. Ich habe ihnen gesagt, wie xenophob sie sind.

 

Marko

Solche Fremdwörter kennen alle Türken.

 

Khadischa

Ja, Fascho! Meine Familie kommt aber aus Marokko.

 

Marko

Muselmann ist Muselmann!

 

Khadischa

(schaut an sich herab)

Mann?

 

Marko

Na ja, eine … eine Musel …

 

Khadischa

Musel was?

 

Marko

Äh …Muselpuppe!

 

Khadischa

Fast witzig! Aber wenigstens keine Diskriminierung.

 

1.2

Nicole

(Hat sich inzwischen Svens Buch gegriffen. Sven bemerkt das. Aber Nicole rennt davon und knallt die Tür hinter sich zu. Sven setzt sich mit gekreuzten Armen auf seinen Platz. Nicole sieht das durch die nun wieder halbgeöffnete Tür)

Hört mal. Hört mal, was der Herr Professor liest. Siegmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.

 

Beate

Sau!

 

Marko

Wow! Hätte ich dir gar nicht zugetraut!

 

Sven

Das ist kein Pornobuch, das ist Psychologie!

 

Beate

Ach, ach ach! Und wozu soll das gut sein?

 

Sven

Ich frage mich schon immer, warum die Leute so sind, wie sie sind.

 

Khadischa

Und? Hast du schon was rausgefunden?

 

Sven

Ich muß noch viel lesen. Aber bis jetzt ist mir klar, daß jeder Mensch sein ganzes Leben lang Mamis Liebling sein möchte.

 

Nicolai

Wer will denn schon ewig Kind bleiben?

 

Beate

Genau! Irgendwann will man doch nur noch weg von der Mutter.

 

Sven

Und dann? Die meisten suchen sich irgendwelche Kumpels oder gleich ganze Gruppen, das sind die neuen Mamis.

 

Marko

Du kannst ja nach Marokko gehen, Svenner! Märchenerzähler, das ist dort ein Beruf.

 

Sven

Ein hilfloses kleines Kind braucht die Mutter. Und später, wenn ihm andere am Sandkasten sein Schippchen wegnehmen, rennt es zu Mami und Papi. Irgendwann sagt es: Euch brauche ich nicht mehr. Aber, was ist der Unterschied, wenn dann so einer sagt: Wenn du mir eine reinhaust, stehen morgen fünf Kumpels auf der Matte?

 

Marko

He! He!

 

Sven

Ich rede ja nur ganz allgemein. Jeder will zu irgendeiner Familie gehören! So bleibt man Kind, Nicolai. Wenn du mal erste Mannschaft spielst, hast du zigtausend Mamis auf der Tribüne und manchmal Millionen vor den Bildschirmen.

 

Nicolai

Ja, ja. Und wenn es nicht gut läuft,  wirst du von der Tribüne runter ausgeschimpft. Und der Verein setzt dich auf die Transferliste. (lacht) Das ist dann wie in die Babyklappe geschmissen.

 

Nicole

(bringt Sven das Buch)

Da Sven. Das hätte ich nicht machen sollen. Aber du hast ja so recht!

Babyklappe, das ist gar nicht lustig, Nicolai!

 

Nicolai

War ja nur … so was … na, ein Beispiel

 

Nicole

Weiß denn hier jemand, wie es ist, wenn du nie eine Mami gesehen hast? Und wenn du siehst, wie andere Kinder von Mami oder Papi vom Kindergarten abgeholt werden?

(Khadischa legt Nicole mit einer hilflosen Geste die Hand auf die Schulter, zieht sie dann aber wieder zurück, setzt sich aufs Pult und beginnt auf ihren Fingernägeln zu kauen)

Manchmal, ja manchmal, wenn ich mal grade so dasitze, dann kommen mir Bilder, wie meine Mami und mein Papi aussehen könnten, was für eine schöne  Wohnung wir hätten mit einem großen Sofa zum Kuscheln und so. … Und wenn ich dann wieder merke, wo ich wirklich bin, ist nur mein Teddy da.

 

Petra

(hat Nicole in die Arme genommen)

Aber der läßt dich ja auch nicht allen! Komm, wir gehen ein bißchen vor die Tür.

(beide ab)

 

Nicolai

Ich könnte mir in den Arsch beißen. Das hätte ich nicht sagen dürfen!

 

Beate

Aber das hat doch niemand gewußt, Nicolai!

 

Nicolai

Vielleicht denken können. Aber ich will nie mehr mit ihr schimpfen.

 

Khadischa

(sieht hoch und stellt fest, daß Tillmann sich zwischen sie und die Klasse gestellt hat. Einen Moment versteckt sie ihre Hand in der Achselhöhle)

Ach, du weißt, was das ist?

 

Tillmann

Nein. Aber mein Lieblingssnookerspieler tut das manchmal. Dann ist es mir peinlich.

 

Khadischa

Ein Lehrer hat mir mal gesagt, was das ist. Aber das kam wie der Gürtel von meinem Vater.

Übrigens, vorhin habe ich geflunkert. Ich habe die Lehrer nur angebellt, damit sie mich nichts fragen sollten, weil ich nicht gut lernen kann.

 

Tillmann

Wer legt schon gleich alle Karten offen hin? Ich bin hier gelandet, weil mir irgendwann so viel im Kopf durcheinanderging. Ich glaube, es fing an, als meine Eltern anfingen, sich zu zoffen.

 

Khadischa

Dann müßten wir also beide herausfinden, wie wir lernen könnten.

 

1. 3

(Petra und Nicole kommen wieder herein)

 

Nicolai

Entschuldigung, Nicole, das habe ich das nicht gewollt.

 

Nicole

Ist ja klar, Nico. Aber vergiß den Schnuller nicht!

 

Tillmann

Sag mal Sven, wenn du so schwierigen Kram gleich bücherweise lesen kannst, dann könntest du doch ein Hochbegabter sein.

 

Sven

Und wenn schon? Dafür kann ich mir nicht mal eine trockne Semmel kaufen.

 

Tillmann

Aber da bekämst du Unterstützung.

 

Sven

Wie soll das denn laufen?

 

Tillmann

Zuerst brauchst du mal eine hohe Punktwertung im Intelligenztest.

 

Sven

Und wo kann man den machen?

 

Tillmann

Na ja, beim Diakonischen Werk zum Beispiel.

 

Beate

Woher weißt du denn das?

 

Tillmann

Vor zehn Minuten hätte ich noch gesagt: Mal gelesen. Es ist aber so, daß meine Mutter mich mal da hingeschleppt hat.

 

Nicole

Und?

 

Tillmann

Hat nicht gereicht.

 

Khadischa

Kannst du  ja noch mal machen, wenn du besser drauf bist.

 

Sven

Und wenn man genug Punkte schafft?

 

Tillmann

Dann braucht man nur eine Berufslehre zu bestehen, dann darf man studieren.

 

Sven

Aber mit dem Zeugnis von hier kriegt niemand eine Lehrstelle, jede Wette!

 

Beate

Ohne Ausbildung ist man da draußen nur Schrott.

 

Petra

Und wenn du Bruchrechnen, Prozentrechnen und Dreisatz könntest, würde dich dann ein Meister nehmen, Beate?

 

Beate

Glaub schon.

 

Petra

Dann fangen wir doch am besten gleich an, das zu lernen.

 

Khadischa

Was wir in Jahren nicht mitgekriegt haben in nicht mal einem Jahr?

 

Petra

Man muß erst mal wollen! Hier ist doch niemand behindert. Oder? Wenn ihr jetzt genauso energisch lernt, wie ihr euch bisher gegen das Lernen gewehrt habt,  … Was meinst denn du dazu Sven?

 

Sven

Vielleicht sollte sich jeder mal fragen, welcher Mami er gefallen wollte, als er sich gegen das Lernen gewehrt hat.

 

Khadischa

Aber wer sagt mir, wie man richtig lernt?

 

Sven

Da hätte Frau Herzog mal Arbeit.

 

Beate

Will die überhaupt?

 

Nicole

Und die hat  als Hauptfach Sport.

 

Sven

So? Wußte ich gar nicht.

 

Marko

Hat sie doch gesagt. Aber da warst du wohl grade unter dem Tisch mit Sex beschäftigt. Und den Sport sieht man ihr an, von allen Seiten!

 

Sven

Und das siehst du ohne Brille!

 

Petra

Aber als Lehrerin hat sie doch studiert und kann sicher zumindest helfen.

 

Beate

Wenn sie will.

 

Nicolai

Das glaube ich schon!

 

Beate

Wirklich?

 

Nicolai

Was haben wir denn alle für einen Ruf bei den Lehrern? Ich habe mich ja auch aufgeführt, als wäre ich schon ein Star. Frau Herzog ist neu an der Schule. Wer neu in die Mannschaft kommt, muß die Drecksarbeit machen. Und gesagt hat man ihr bestimmt genug über uns. Also tut sie uns nicht weh und sich auch nicht. Aber man sieht ihr doch an, daß sie sich nicht wohlfühlt.

 

Khadischa

Glaube ich auch. Aber wenn wir richtig lernen und was können, und mit den Zeugnissen bleibt es so, wie der Sven gesagt hat?

 

Sven

Tillmann, gibt es auch Schulabschlußtests?

 

Petra

Ja, gibt es! Ich mußte beim schulpsychologischen Dienst einen Leistungstest ab siebte Klasse machen.

 

Nicole

Und wer sagt uns, was wir da können müssen?

 

Sven

Was im Lehrplan steht, kann uns Frau Herzog notfalls vorlesen. Und das Testergebnis –wenn es gut ist - kann man ja zur Bewerbung geben.

 

Tillmann

Wir müssen ihr sagen, daß wir jetzt richtig lernen wollen. Machst du das Petra?

 

1. 3

Sascha

(stand schon eine Weile unbemerkt in der Tür, knallt seinen Rucksack auf einen Tisch und geht auf die Leute los, die er anspricht)

Richtig lernen? Seid ihr denn alle  auf einmal bescheuert?

Richtig lernen? Wenn du das willst, Tille, dann geh doch zu den Guten und Braven nebenan! Auf was wartest du denn noch?

Und du, Svenner. Immer den Intellektuellen raushängen und sich um jedes Bißchen Arbeit drücken. Und dann anderen den sicheren Abschluß klauen wollen.

Ach, und die Zirkusprinzessin! Nimm dir doch ein Pony und gehe mit dem in die Fußgängerzone betteln statt anderen Vorschriften zu machen! Richtig lernen, so ein Quatsch!

(atmet schwer)

 

Beate

Was meinst du denn mit klauen, Sascha?

 

Sascha

Tu doch nicht so Beate! Du bist doch auch in diese Klasse gegangen, weil klar war, daß wir hier noch das Schuljahr absitzen sollten und dann ein Zeugnis bekommen. Und dabei bleibt es. Sonst gehe ich zum Rektor.

 

Khadischa

Zum Rektor?

 

Nicole

Was willst du dem denn sagen?

(Stellt sich in Positur)

Poch, poch, poch!

Herein!

Guten Morgen, Herr Rektor Schneider! In der Klasse Berufsreife  Expreß passiert was, das können Sie doch gar nicht wollen!

Herr Rektor, Sie haben doch die Klasse eingerichtet, daß niemand was zu lernen braucht. Und jetzt wollen die bösen, bösen Kinder richtig was lernen. Als Rektor müssen Sie doch verhindern, daß etwas gelernt wird!

 

Sascha

Du kannst zum Fernsehen gehen, Golle, dafür brauchst du nichts zu lernen!

 

Khadischa

(Geht auf Sascha zu. Ebenso die Folgenden, die ihn ansprechen. So entsteht zunächst um Sascha ein Halbkreis.)

Sascha, wir haben aber gerade festgestellt, daß uns die Zeugnisse kaum was bringen werden. Und einen Beruf kann man doch nur lernen, wenn man kann, was verlangt wird.

 

Sascha

Ihr vielleicht!

 

Marko

Und du?

 

Sascha

Der KFZ Meister, bei dem ich Praktikum gemacht habe, hat gesagt, daß ich nur irgendeinen Abschluß brauche.

 

Nicolai

Und wenn du in der Berufsschule nicht mitkommst?

 

Sascha

Es kommt darauf an, ob einer arbeiten kann, sagt der Meister.

 

Nicolai

Und wenn du die Prüfung nicht schaffst, dann kann dich der Meister entlassen und den nächsten Lehrling als Arbeitstier einstellen. Oder er behält dich für Billiglohn.

 

Sascha

Aber was soll ich denn machen? Bruchrechnen lerne ich nie.

 

Marko

Ich weiß nicht, was ihr alle für eine Magie um das Bruchrechnen macht. Ist doch ganz leicht.

 

Sascha

Willst du mich verarschen, Fascho? Paß bloß auf! Ich habe keine Angst vor deinen Kumpels.

 

Tillmann

(Geht zwischen Sascha und Marko)

Reden wir doch erst mal drüber. Aber es ist schon ein dicker Hund, was du da behauptest, Marko.

 

Marko

Das ist wie beim Schafkopf, Tille. Man muß wissen, um was es geht.

 

Tillmann

Dann erkläre mir doch mal wie man  durch einen Bruch teilt.

 

Sven

Das kann niemand erklären!

 

Petra

Wieso denn nicht?

 

Sven

Weil es absoluter Quatsch ist, daß etwas verteilt wird, und am Schluß kommt mehr heraus, als am Anfang da war!

 

Sascha

Give me fife, Svenner!

 

Marko

Da geht es ja auch nicht darum, wieviel jeder von etwas bekommt, sondern um die Frage, wie viel mal etwas in einem Anderen enthalten ist.

 

Sascha

Gequatsche!

 

Marko

(Nun Mittelpunkt, stellt sich in Positur, nimmt ein Heft als Tablett)

Einfaches Beispiel: Stellt euch vor, ihr habt fünf gegrillte Würste auf einer Platte. Also: Eine zwei, drei, vier, fünf.

 

Nicole

Könnte grade reinbeißen!

 

Marko

Noch nicht! Halt! Khadischa bekommt natürlich Lammfleisch – Merquez.

 

Khadischa

Oho!

 

Marko

Fünf Würste! Jetzt kommen aber mehr Leute als gedacht. Also nehmen wir ein Messer und schneiden alle Fünf genau in der Mitte durch. Also: Diese, diese, diese, diese und diese. Was liegt jetzt auf der Platte?

 

Sascha

Lauter halbe Würste.

 

Marko

Seht ihr was vorher da war und was jetzt da ist? Wie viele Halbe sind es?

 

Sascha

Moment … ja, zehn.

 

Marko

Eben! Zehn! Aber  nur halbe Würste. Aus fünf Ganzen wurden zehn halbe. Klar, Herr Professor?

 

Sven

Ja, wenn man das so betrachtet

 

Marko

Also, die Sache ist klar. Nun muß man nur noch wissen, wie man das als Rechnung schreibt.

 

Sven

Sag jetzt bloß nicht!

 

Marko

Doch! Für die Schreibweise.kann ich nichts Es gibt kein Extrazeichen mehr für „Eingeteilt“.

 

Sascha

(Hat die Spitzen seiner gespreizten Finger aneinadergelegt und zieht sie dann auseinander)

Da wird die Wutz im Stall verrückt! Stimmt aber!

 

Khadischa

Durch was haben wir geteilt? Aus fünf Würsten wurden zehn …

 

Marko

Zehn was?

 

Sascha

Halbe! Darum geht es also, Khadischa, um Halbe!

 

Marko

Wißt ihr, wie man als Bruch schreibt, wenn etwas nur halb da ist?

 

Beate

Ein Halb. Dann haben wir jetzt zehn Halbe.

 

Tillmann

Verrückt! Also, rein rechnerisch: Dividiert durch eins multipliziert mit zwei?

 

Marko

Ja, wenn man nur Zahlen hat. Malnehmen, weil aus jedem Ganzen zwei Halbe werden!

 

Tillmann

Das ist also der reziproke Wert! Oh nein!

 

Marko

Der Kehrwert.

 

Sascha

Die blöde Kehrwertregel! Aber so braucht man sie nicht mal. Da mache ich mit!

 

Petra

Eins verstehe ich nicht, Marko

 

Marko

Was?

 

Petra

Wenn du so stark bist in Mathe. Wieso bist du dann hier?

 

Marko

Textaufgaben!

 

Tillmann

Was ist damit?

 

Marko

Zu Zahlen fallen mir immer Bilder ein. Meistens vom Kochen. Wenn ich aber einen Satz gelesen habe, weiß ich nichts und kriege keine Bilder.

 

Tillmann

Ach so. Sätze verstehen, mehrere Sätze nacheinander erfassen und dann längere Texte. Hat mal ein Gymnasiallehrer einen Lehrgang entworfen. Habe ich alles noch.

 

Khadischa

Könnten wir doch mal probieren.

 

Tillmann

Aber ich warne euch gleich: Das fängt mit Subjekt und Prädikat an.

 

Beate

Zeitverschwendung!

 

Tillmann

Das sind aber die zwei Nägel, an denen man den ganzen Satz aufhängen kann.

 

Beate

Noch nie gehört! Aber wenn du das erklären kannst, dann mache ich mit.

 

Tillmann

Das kann man erklären. Wenn ich mich nur besser konzentrieren könnte!

 

Petra

Für Konzentration gibt es Atemübungen. Meine Oma war Artistin, die kennt sich da aus.

 

1. 4

Nicolai

Kann ich dich mal was fragen, Beate?

 

Beate

Wenn es nichts mit dem Buch von Sven zu tun hat, dann schon.

 

Nicolai

Reparierst du auch kaputte Eisenbahnen?

 

Beate

Hab ich schon. Wenn es kein zu altes Modell ist, findet sich ja ein Plan.

 

Nicolai

Der Junge ist erst vier Jahre.

 

Beate

Aber kaputtmachen kann er schon!

 

Nicolai

Sein Stiefvater hat das Ding vom Balkon geschmissen.

 

Beate

Au weia. Ist die Platte noch ganz?

 

Nicolai

Ja. Habe alles in unseren Keller geschafft. Du hättest das kleine Gesicht sehen sollen. Der konnte einfach nicht mal weinen.

 

Beate

Da mache ich die Arbeit halt mal umsonst. Aber die Ersatzteile können teuer werden.

 

Tillmann

Ich kann ja meinen Vater anzapfen.

 

Sascha

Nein. Selber machen!! Da legen wir lieber alle zusammen. Oder?

 

Marko

Wenn’s nicht reicht, backe ich was, und das können wir dann in der Pausenhalle verkaufen

 

Beate

Aber was ist mit den Aufbauten?

 

Nicolai

Übel!

 

Sascha

Mache ich mit der Laubsäge.

 

Khadischa

Und wir mit Pappmasche, Nicole!

 

Petra

Das Anstreichen kann ich dann machen.

 

Tillmann

Vor kurzem haben wir uns noch kreuz und quer angeknurrt, und jetzt haben wir sogar ein gemeinsames Projekt.

 

Sven

Leute! Leute! Wir haben uns viel vorgenommen. Wenn auch nur ein Teil davon umgesetzt wird, dann kann uns unsere Klasse eine Mami auf Zeit werden!

 

Khadischa

Warum nur auf Zeit? Wenn es hier klappt, dann können doch nach der Schule auch noch zusammenhalten!

(klatscht Sven ab, was ein allgemeines gegenseitiges Abklatschen unter den jungen Leuten auslöst)

Vorhang

 

   

 

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© Friedrich Treber