Ohnmacht, Kurzhörspiel Friedrich Treber

Ohnmacht, Kurzhörspiel Friedrich Treber

Was war das? Fragst du noch? Das waren Profis! Keine Anmache. Eingekreist und voll drauf. Die sind ihr Geld wert.

 

Wette, daß die Stahlkappen an den Schuhen hatten. Kriegst ja kaum noch Luft.

Wann kannst du wieder auf den Beinen sein? Wenn, dann wird’s lange dauern. Und Pascalis muß schon in 10 Tagen kämpfen. Ah, Pascalis, dein bestes Pferd im Stall!

Deswegen hast du wohl hier Prügel gekriegt. Den wollen sie haben.

Für dich kann ich jetzt nichts mehr tun, Pascalis. Das nächste Mal würden die mich nicht am Leben lassen.

Leben? Ist das jetzt nicht wie früher, wenn du im Ring nicht k.o. gehen wolltest? Hältst du dich nicht einfach noch am Leben wie damals auf den Beinen? Ja, für was denn?

Die Jungs in deinem Bißchen Boxschule? Bis du wieder auf die Füße kommst, ist wer was kann, doch schon weg. Von den anderen kannst du nicht mal Miete zahlen. Was soll die Quälerei? Nee, für mich ist jetzt Schicht!

 

Also, nicht mehr beißen, nicht mehr wehren, einfach loslassen. Scheißegal, was kommt. Einfach loslassen. Los – las - sen.

Ich spüre schon nichts mehr.

He, was? Nein, hier ist niemand, den du reden hören könntest. Fängst du jetzt an zu spinnen? Da redet aber doch Einer. Was sagt der?

 

Also, das ist doch wirklich meine Sache!

He du, wie kommt deine Stimme in meinen Kopf? Wer bist du überhaupt?

 

Falsche Namen von uns Menschen? Also bist du kein Mensch? Aber reden kannst du, sogar in meinem Kopf.

Na, bist du so freundlich und sagst mir deinen richtigen Namen?

 

Spielen wir jetzt „Wer wird Millionär“? Oh lieber Gott!

 

Hab ich nicht erfunden. Aber, sag mal, bist du der, dem sie den Namen gegeben haben?

 

Was, dich gibt es echt?

 

Na, ja, du kannst in meinem Kopf reden. Vielleicht ist der jetzt weichgeklopft. Aber das Spielchen fängt an, Spaß zu machen.

Gut, also dann sag mir doch mal, warum ich das nicht soll.

 

Du mußt doch besoffen sein, echt! Keine Sau auf dieser verdammten Welt braucht mich alte Ruine, aber ausgerechnet du, du Witzbold!

 

Ach was, die Jungs. Ich bringe ihnen bei, was ich weiß, damit sie im Ring ihre Birnen riskieren, daran verdiene ich mein Geld.

 

Der Pascalis? Den werden die Andern jetzt wohl verheizen.

 

Meinst du, mir paßt es, daß es so läuft? Aber das ist so, war so und wird immer so bleiben. Was kann ich da schon dran machen?

 

Dasein, wie ich bin, das ist nicht einfach! Schau mich doch an! Da kommst du hin, wenn du den Hechten im Teich in die Quere kommst.

Aber jetzt sag mal genau, warum du mich anquatschst. Um was geht es hier eigentlich?

 

So ein Spruch kann nicht aus meinem Kopf kommen. Also mußt du doch hier sein. So was ist mir auch zu hoch. Materie, klar, die spürst du, wenn du einen Handschuh mit einer Faust drin abkriegst. Aber Geist, Geister?

 

Doch, vom Weingeist. Der kann auch ganz schön reinhauen.

 

Natürlich kenn ich das, leere Muskeln oder der innere Schweinehund, wer weiß das?

 

Du sagst dir, es muß gehen. Und du marschierst, und es geht. Manchmal konnte ich noch mal voll aufdrehen. Aber wo das herkommt?

 

Na, wenn’s das ist. Schon gut. Aber das ist ja dann auch etwas, was du nicht zwischen die Finger kriegen kannst. Den Weingeist kann man in Flaschen sperren. Aber wie soll das, was du Geist nennst, ein Gefangener sein können?

 

Gerade die tun doch, was sie wollen. Ich beneide diese Kerle.

 

Geld kommt bei denen immer zuerst. Davon können die gar nicht genug zwischen den Fingern haben. Ah, zwischen den Fingern!

 

Das wären ja nicht nur die, die ich vorhin Hechte genannt habe, das wären Alle, die in dieser Scheiß-Welt die Hebel in den Händen haben.

 

Ja glaubst du denn, mir wäre das Geld nicht wichtig? Ich hab mich mit fast vierzig noch dafür im Ring verdreschen lassen. Mehr Geld wäre mir immer recht gewesen. Ich war wohl bloß nicht schlau genug.

 

Alles natürlich nicht.

 

Folgen bedenken? Hab ich das?

 

Ja, weil ich doch genau weiß, was dem Pascalis blüht, wenn er zu früh gegen einen Großen in den Ring steigt.

Überhaupt, Alles, was mir gemacht wurde, von Kind auf, das will ich nicht, daß es irgendeinem gemacht wird.

 

Was ist da so Besonderes dran? Willst du mir deswegen vielleicht nen Job anbieten? Du hast doch gesagt, du brauchst mich.

 

Und wie soll das aussehen?

 

Weißt du, was du da sagst, verdammt noch mal? Du weißt doch alles. Oder wolltest du nie wissen, wie mein Leben war?

Ich sag dir’s ganz kurz: Auf so ner griechischen Insel hab ich das gesehen, da hatte ein Mann nen Tintenfisch gefangen. Und dann hat er ihn genommen und auf nen Stein geknallt. Immer wieder! Und das war mein Leben. Nackt und hilflos auf den Stein geknallt. Jedesmal geht ein Stückchen von dir kaputt.

Vielleicht macht es dir Spaß, zuzuschauen wie wir uns quälen und nichts davon haben. Aber ich lasse mich nicht mehr aufknallen. Dafür bin ich nicht zu haben. Lieber Gott, leck mich am Arsch!

 

Was sagst du nichts? Willst du mich nicht mit deiner Allmacht zerschmettern, oder in die Finsternis werfen? Willst du mich zwingen, mein ganzes Scheißleben noch mal zu leben? Mußt du erst nachdenken, wie du mich quälen kannst?

Und überhaupt: Wenn du eine bessere Welt willst, dann mach sie dir doch selbst mit deiner Allmacht.

 

Nee! Ja, wieso gibt es dich dann überhaupt? Eins ohne das Andere, das ist … das ist wie ein Handschuh ohne Faust drin. Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

 

So, warst du mal. Und was hat dich um deine Allmacht gebracht?

 

So groß kann ich nicht denken. Aber ich kann mir vorstellen, wenn ich allein in einem Ring stehe, dann bin ich da drinnen allmächtig, so lange, wie kein anderer reinkommt. Aber stinklangweilig ist das auch.

 

Ja, gut. Es war ja auch nichts da außer dir.

 

Langsam, langsam. Du hast dich also geteilt.

 

Na gut, die Materie zugelassen. Aber jetzt kann ich sehen, du warst nicht mehr so groß wie vorher und du warst nicht mehr allein im Ring.

 

Lustiges Bild, wie du nun um die Materie rumschleichst wie ein Boxer in einem Kampf, wo es heißt: Tu mir nichts, tu ich dir auch nichts.

 

Ich sag mal, es gab keinen Angriffspunkt.

 

Ja, lange muß es gedauert haben. Aber wenn das Andere ein Stück von dir war, dann mußte ja auch mal was rauskommen, was nach dir aussieht. Jetzt ist mir das Wort von vorhin klarer geworden. Aber am Geist kannst du doch die Welt packen.

 

Wieso denn nicht?

 

Mich auch nur, weil ich mich weit von der Materie entfernt hatte?

 

Das heißt, du kannst überhaupt nicht eingreifen? Wir müssen alles machen? Oh verdammt, lieber Gott, dann bist du ne arme Sau!

 

Ja, so willst du nicht heißen. Aber wer wird dir denn helfen? Wer kein Trittbrettfahrer ist, der muß sich einen reservierten Platz im Zug leisten können, sonst treten ihn die Anderen runter. Und die Getretenen fangen irgendwann an zu saufen oder sonst was. Mit so einer Armee von Rausgetretenen und Kaputten willst du die Welt …

 

Ich kann es mir aussuchen?

 

Ach weißt du, l …, äh, Geist, Obergeist, eigentlich war ich schon als Boxer ein ganz schöner Feigling.

 

Das habe ich doch gar nicht gesagt. Laß mich doch ausreden. Wenn ein Kampf von vorneherein aussichtslos war, dann konnte ich erst so richtig loslegen. Und du lädst mich zu einem aussichtslosen Kampf ein.

 

Ja, hiermit hast du mich unter Vertrag!

Wie gefällt dir das?

Warum sagst du nichts?

Wo bist du auf einmal?

Hm, der Trainer ist das Treppchen wieder runtergegangen. Im Ring ist man alleine. Verdammte Schmerzen!

 

   

 

Anzeige

   
© Friedrich Treber