Zum Tode eines Siegers

Zum Tode eines Siegers

Die Nachricht im Rundfunk kam trocken und schnell:

Wohl Selbstmord begangen in fremdem Hotel.

Den Grund dafür wußte der Sprecher auch schon:

„Er litt, wie man sagt, unter Depression“

So mancher sich fragt: Schützt der Siege Zahl

Nicht Helden vor Zweifeln und innerer Qual?

 

Bewunderte oft deinen Willen zum Sieg.

Wenn steil die Fahrbahn zum Berg anstieg,

wo Schmerz und auch Müdigkeit so manchem Mann

den Hunger nach Lorbeeren ausglühen kann,

weil Lungen brennen und Beine wie Blei,

da fingst du erst an, zogst an allen vorbei.

 

Ich kenn dich als Sieger und kann dich auch sehn

als kleinen Kerl auf dem Schulhof stehn.

Bedrängt von der Meute, die spottet und quält,

was anders ist, wo doch Gleichheit nur zählt.

So einsam und wehrlos zischt Wut tief in dir:

„Werd’s allen noch zeigen, bin doch mehr als ihr!“

 

Wir tragen in uns aus verwundbarer Zeit

ein Kind voll Angst, Wut und Traurigkeit.

Ob größer, ob kleiner, wir schließen es ein.

Man darf vor der Welt doch kein Kind mehr sein!

Die Rennen und Siege, so viele es sind,

Stationen der Flucht vor dem inneren Kind?

 

Der jenseits des Zauns erntet Lasten und Spott,

den Sieger bejubelt die Meute als Gott.

Du fühlst, wer ins Leben gezeichnet trat ein,

darf Sieger nur oder Fußmatte sein.

Wen Auge in Aug’ man nicht Mitmensch sein läßt,

den lockt auch der Irrweg zum Siegerpodest.

 

Oft hast du durch Stärke des Willens gesiegt.

Sich selber der Schnellste davon niemals fliegt.

Zu schwer war geworden das Kind in dem Mann.

Und niemand dich lehrte, wie man es nimmt an.

Qual leidet, der Sieger, der Berge bezwingt,

mehr Qual wer in Tiefen der Trauer einsinkt!

 

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© Friedrich Treber