Blumen und Steine

Zum Tode eines Siegers

Zum Tode eines Siegers

Die Nachricht im Rundfunk kam trocken und schnell:

Wohl Selbstmord begangen in fremdem Hotel.

Den Grund dafür wußte der Sprecher auch schon:

„Er litt, wie man sagt, unter Depression“

So mancher sich fragt: Schützt der Siege Zahl

Nicht Helden vor Zweifeln und innerer Qual?

 

Bewunderte oft deinen Willen zum Sieg.

Wenn steil die Fahrbahn zum Berg anstieg,

wo Schmerz und auch Müdigkeit so manchem Mann

den Hunger nach Lorbeeren ausglühen kann,

weil Lungen brennen und Beine wie Blei,

da fingst du erst an, zogst an allen vorbei.

 

Ich kenn dich als Sieger und kann dich auch sehn

als kleinen Kerl auf dem Schulhof stehn.

Bedrängt von der Meute, die spottet und quält,

was anders ist, wo doch Gleichheit nur zählt.

So einsam und wehrlos zischt Wut tief in dir:

„Werd’s allen noch zeigen, bin doch mehr als ihr!“

 

Wir tragen in uns aus verwundbarer Zeit

ein Kind voll Angst, Wut und Traurigkeit.

Ob größer, ob kleiner, wir schließen es ein.

Man darf vor der Welt doch kein Kind mehr sein!

Die Rennen und Siege, so viele es sind,

Stationen der Flucht vor dem inneren Kind?

 

Der jenseits des Zauns erntet Lasten und Spott,

den Sieger bejubelt die Meute als Gott.

Du fühlst, wer ins Leben gezeichnet trat ein,

darf Sieger nur oder Fußmatte sein.

Wen Auge in Aug’ man nicht Mitmensch sein läßt,

den lockt auch der Irrweg zum Siegerpodest.

 

Oft hast du durch Stärke des Willens gesiegt.

Sich selber der Schnellste davon niemals fliegt.

Zu schwer war geworden das Kind in dem Mann.

Und niemand dich lehrte, wie man es nimmt an.

Qual leidet, der Sieger, der Berge bezwingt,

mehr Qual wer in Tiefen der Trauer einsinkt!

 

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Zahlen ohne Bilder

Zahlen ohne Bilder

Sollt’ Mensch auf einem Bogen Din A4

errechnen ganzer Völker Tod und Qualen,

nichts Andres würd’ er sehn auf dem Papier

als lebensferne, formelhör’ge Zahlen.

 

Gar pfeifend träumt’ von Liebe er, von Bier.

Würd’ auf der Uhr den Feierabend suchen.

Die Feder hört’ er kratzen das Papier,

kein Opfer weinen, beten oder fluchen.

 

Wär’n schreiend rot die Zahlen aufgeführt,

er säh’ beim Rechnen weder Blut noch Leichen.

Des Mitleids Wurzeln bleiben ungerührt,

wenn Wirklichkeit vor uns geschrumpft in Zeichen.

 

Gar appetitlich, wie beim Bildschirmspiel,

sehn Wirkung ihrer Bomben die Piloten.

Symbole unterschlagen, wer im Ziel-

gebiet verwaist, verkrüppelt, bei den Toten.

 

In sichrem Abstand von dem Ort der Qual

kann Federstrich und Knopfdruck wohl geschehen.

Und blutleer steht das Wort „kollateral“

für Opfer, die es traf nur aus Versehen.

 

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Träume vom Süden

Träume vom Süden

Eisig nistet Nebel im Kragen,

schickt Krötenhände die Waden herauf.

Sonne gähnt, weckt in diesen Tagen

die Feuerpunkte im Haar dir nicht auf.

Grau in Grau schleicht von Asphalt und Wänden

in die Augen ihr Schimmer zurück.

Sehnsuchtsgedanken im Süden enden,

Liebling, mir sagts deine Laune, dein Blick.

 

Refrain:

Im Süden ist Wärme, hier Freunde und Pflichten,

Härte und Hetze doch Lohn auch dafür.

Ein Traumschloß im Nebel lockt nicht zu verzichten,

wag' Seiltanz im Süden nicht einmal mit dir.

 

Süden in den Alltag zu bringen,

warf in den Kochtopf ich etwas davon.

Lieder vom Süden will ich dir singen,

riechst du den Knoblauch, den Rosmarin schon?

Märchenduft soll den Töpfen entsteigen,

zaubern zurück dich in sorglose Zeit.

Mögen die Nachbarn uns morgen anschweigen.

Heut sei ein Fest, deinen Träumen geweiht.

 

Alltagskämpfe seien vergessen,

wir kosten Gaben des Südens, den Wein.

Kerzenschein wie wir oft schon gesessen,

laß Ruhe uns finden und näher uns sein.

Lodern auf dann zwischen uns Flammen,

tragen aus Enge und Kälte uns fort.

Liebling, dann haben wir beide zusammen

geschlagen ein Schnippchen der Rauhheit des Nord!

 

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Vergiftete Träume

Vergiftete Träume

Liebe der Eltern rief sie in die Welt

Gab dem Kind Boden, der trägt und hält

Raum auch zum Wachsen geborgen, doch frei

leben zu lernen, stark sein dabei.

so steht in den Akten es eines Gerichts:

Dies Kind hatte alles es fehlte an nichts.

 

Stärke und Wärme macht' oft sie zum Stern.

Wen Neid nicht benagte, der mochte sie gern.

Früh ward ihr Leben zum Weihnachtsbaum,

davon sie pflückte, die Müh' merkt man kaum.

Ihr Photobuch zeigt Erfolg viel an Zahl,

der wurde schnell gestern und schmeckte dann schal.

 

Liebe kam auch, wie das ist nun einmal

nicht zu früh, nicht zu spät, ohne Ekel und Qual,

nicht wie im Roman als des Lebens Kron'.

Sie fragte auch hier: War das alles schon?

Was das Leben ihr gab schien ihr arm  und klein,

stets sollte es besser und größer sein.

 

Einer dann kam, der versprach ihr viel mehr

als Leben wie 's ist uns will geben her:

Das Gift zum Träumen, wohl hatt' sie gehört,

daß es Menschen nicht losläßt und Leben zerstört.

Der Gier aus der Leere ist genug nie genug.

So ließ sie sich fallen in Gift, Traum und Trug.

 

Träume und Drogen auch sie lassen leer,

sie jagt neuem Traum, neuem Gift hinterher.

Entfremdet dem Leben, das richtig man nennt,

Helfende Hände sie nicht mehr erkennt.

Zerstört sich mit Wissen und wünscht sich doch sehr

ein Leben, das noch ein Zuhause ihr wär.

 

Refrain:

Voll Glanz und ewig süß

malt uns der Traum

Früchte vom Lebensbaum.

Wahrheit mischt Bitt'res bei

Vergehen spüren wir.

Traum hetzt zu neuer Gier.

 

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Jorgos, der Fischer

Jorgos, der Fischer

Jorgos, er selbst nennt sich Fischersmann,

kennt einsame Buchten und Strände viel

auch Wiegen des nächtlichen Meers unterm Kiel.

Sein gutes Boot ihn wohl nähren kann.

Zwang haßt er und Alltagseinerlei.

Fischt, wann er Lust hat, lebt wild und frei.

 

Mag er dich, zeigt er dir alles gern,

schenkt dir vom Fisch und auch von seiner Zeit.

Fährt nach der Zeitung dich stundenweit.

Beim Wein dann unter nächtlichem Stern

lehrt honorarfrei er Philosophie:

Leb' jeden Tag, als käm morgen nie!

 

Raki, den liebt er, auch Frauen und Wein.

Frißt ihm die Zeit, macht die Glieder oft schwer.

Und muß dann das schnelle Geld wieder her,

wirft Dynamit er ins Meer hinein.

Füllt sich wie and're schnell Beutel und Boot

Doch auch die Brut für die Zukunft ist tot.

 

Leben ist kurz, drum jagt viel er ihm ab,

weiß dabei wohl, welchen Schaden er tut.

Sagt dazu: Vielleicht ich schon morgen kaputt.

Zerbombt das Meer - sagt, er liebt es - zum Grab.

Lebt frei und wild in den Mund durch die Hand.

Frißt kahl dabei sein Schlaraffenland.

 

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© Friedrich Treber